Sichtwechsel I

WORUM ES GEHT

Ich bin aufgewachsen in einer Zeit, in der gesellschaftliche, staatliche und kirchliche Autoritäten vorschrieben, wie man zu denken und zu leben hat. Ich habe lange gebraucht, bis ich mich getraut habe, gegen solche Bevormundung zu rebellieren und von meinem eigenen Urteil Gebrauch zu machen (wie es ein Immanuel Kant als Basis aller Aufklärung empfiehlt). Damit aber handelt man sich bekanntlich eine lebenslange Arbeit ein, die Arbeit der Kritik, der Suche nach dem Richtigen (oder gar dem Wahren) und des Versuches, danach zu leben.

Ich habe es immer aufregend gefunden, wenn im Prozess solch kritischer Prüfung die Dinge plötzlich in einem anderen Licht erscheinen, sich eine neue Sichtweise ergibt und man das Gefühl hat, hier und da endlich mal den Durchblick gefunden zu haben. Und ich begann, meine 'Geistesblitze' oder - bescheidener gesagt - meine unmassgebliche Meinung aufzuschreiben, und zwar kurz, schon weil es immer an Zeit fehlte, und pointiert, sonst hätte es mich gelangweilt, oft auch zornig und aggressiv als Reaktion auf Widerspruch oder Borniertheit.

Im Laufe der Jahre habe ich herausgefunden, dass meine Urteile sich aus einem Hintergrund speisten, der mit meiner religiösen Sozialisation zu tun hat, was ihnen eine gewisse Richtung und eine gewisse Geschlossenheit gibt, macht doch nach meiner Überzeugung nichts kritischer als der Blick aus der anderen, der religiösen Welt, während er gleichzeitig die meisten und die befriedigendsten Richtigstellungen anbietet, mit denen man sehr gut leben kann.

Statt meine aphorismenartigen Notizen nun im Schreibtisch zu lassen, kann ich sie ebensogut öffentlich machen, könnte ja sein, dass es Interessenten dafür gibt. Immerhin sind sie Zeugnisse eines nicht ereignislosen oder langweiligen Lebens...

PM